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 Echte Gefühle und wie sie beschrieben werden können.

Gemischte Gefühle - gibt es sie?

„Gemischte Gefühle“ sind heute (2024) ein Schlagwort. Ein Rocksänger hat gerade ein Album eingespielt, eine Autorin veröffentlichte jüngst ein Buch, und auch die Sexualmediziner bemühen sich, den „gemischten Gefühlen“ auf die Spur zu kommen. Wir lesen etwa bei Lilli (1):

Häufig widersprechen sich gemischte Gefühle – du hast vielleicht zugleich Neugier und Angst, Lust und Scham. Manchmal ändern sich die Gefühle während der Erfahrung. Als Faustregel empfehlen wir, dass du so lange weitermachst, wie Lust und die Neugier stärker sind als unangenehme Gefühle.

Die Psychologie hilft uns kaum weiter. Man versucht, elementare (primäre, grundlegende) Gefühle zu isolieren und von jenen, die man als „komplex“ bezeichnet. Auch die „Komplexen“ Gefühlsinhalte bekommen jedoch Etiketten, was sich dann so liest:

Zu den komplexen Emotionen gehören Eifersucht, Schuld, Scham, Sympathie, Stolz, Dankbarkeit und Verachtung. Komplexe Emotionen haben kognitiven Inhalt.

Diese Definitionen sagen allerdings nichts darüber aus, wie sich solche Gefühle zeigen, und auch nicht, wo die Widersprüche in diesen Gefühlen liegen.

Gehören gemischte Gefühle zum Menschsein?

Wer nach „gemischten Gefühlen“ sucht, findet im Internet neben den in der Psychologie üblichen „Etiketten“ sofort auch „Bewertungen“. Denn während manche Autoren, teils Psychologen, teils Nicht-Psychologen, „gemischte Gefühle“ als hilfreich für die Entwicklung ansehen, sagen uns andere, wir müssten sie überwinden.

Mancher mag sich daran erinnern, im Deutschunterricht den „Faust“ gelesen zu haben, den ich zunächst zitieren will:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
die eine will sich von der anderen trennen:
Die eine hält in derber Liebeslust
sich an die Welt mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
zu den Gefilden hoher Ahnen.


In Wahrheit geht es nicht um zwei Gefühle, sondern um den Widerspruch zwischen Rationalität und Sinnlichkeit. Mit „zwei Seelen“ also zwei Gefühlswelten, mögen also Goethe und seine Zeitgenossen noch „zurechtgekommen“ sein - wir sind es heute nicht mehr. Heute sehen wir unser „Gemüt“ oder unsere “Psyche“ nicht als „fest gefügt“ an. Mit anderen Worten: Zu Goethes Zeiten (und lange danach) galt das Gemüt als „unveränderlich“ - heute glauben wir, dass sich die Gefühle im Laufe eines Lebens häufig verändern können. Hilfe von der Forschung können wir kaum erwarten, weil sich auch die aktuelle Wissenschaft nicht einig ist, was sie von einem „Mix“ in der Gefühlswelt halten soll. Wir lesen in einer Masterarbeit (2015, 2)

Gemischte Gefühle lassen sich als das gleichzeitige Erleben von zwei Gefühlen gegensätzlicher Valenz (Wertigkeit, Bedeutung) definieren … Die Existenz von gemischten Gefühlen ist jedoch umstritten. Während einige Studienergebnisse für ein Vorkommen von gemischten Gefühlen sprechen … sind andere Autoren der Meinung, dass positiver und negativer Affekt (Gemütsbewegung) die gegenüberliegenden Enden eines Kontinuums (Zusammenhanges) sind, was ein Vorkommen von gemischten Gefühlen ausschließen würde. Zwischen diesen Positionen läuft eine Debatte.


Ergänzend könnte ich noch sagen: Die Natur hat uns die Gefühle mitgegeben. Sie eignen sich in Wahrheit nicht, um „Gegensätze“ aufzubauen. Jedes Gefühl steht für sich selbst, und die angeblichen Gegensätze stammt aus der Theorie. Das heißt: Die Natur schafft die Möglichkeit, zwei Gefühle zugleich zu erleben, und unser Lebensstil kann dies durchaus zulassen.

Schwammige Gefühle und andere Einwände

Völlig unabhängig von dieser Diskussion müsste eigentlich gefragt werden: Kann so etwas Schwammiges wie ein Gefühl überhaupt wissenschaftlich exakt definiert werden? Und sollte dieses nicht möglich sein, wieso maßt sich die Wissenschaft dann an, Ergebnisse dazu vorzulegen?

Die „gemischten“ Gefühle treffen die Menschen ja in Alltagssituationen, nicht im Labor. Und wie sich der „Mix“ zusammensetzt, ist dabei zumeist völlig unklar. Wollte man einen Gefühlsmix analysieren, müssten seine Bestandteile wie auch deren Anteile offengelegt werden können. Niemand wird ernsthaft behaupten, dies tun zu können.

Nehmen wir mal ein Beispiel aus dem kaufmännischen Bereich, das sehr wirklichkeitsnah ist: Jemand übertritt eine Regel und erzielt damit einen Gewinn. Das Übertreten der Regel löst bei ihm „negative“ Gefühle aus, der Gewinn aber „positive“ Gefühle.

Leben mit gemischten Gefühlen - der Normalzustand?

Kommen wir zurück zum Anfang: Sobald wir starke (oder gar überwältigend) Gefühle entwickeln, geraten wir in einen Strudel. Denn mit jedem besonders heftigen Gefühl werden wir an unsere Basisgefühle erinnert, aber auch an Regeln, Normen oder einfach Schwierigkeiten, sie auch durchzusetzen. Wir wissen, dass wir einen Teil dieser erlernten Werte, Pseudo-Werte oder einfach Annahmen überwinden müssen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Oftmals haben wir dabei den Eindruck, wir würden damit in Bereiche einbrechen, die für uns bisher als Tabu galten. Das Gefühl, eine Regel gebrochen zu haben, ist für viele Menschen nach wie vor entsetzlich – sie fühlen sich schuldig.

So weit der Teil, der ganz allgemein gilt. Und so weit die Antwort, die ich hier aufgreife:

Solange deine positiven Gefühle, also etwa Neugier und Lust dich erfreuen und bestärken, folge ihnen. Es ist absolut nicht ungewöhnlich, bei einem starken positiven Gefühl auch ein kleines negatives Gefühl mitschwingen zu lassen.

Wenn ihr eine Lösung sucht: Es gibt gemischte Gefühle, und sie sind natürlich. Wie ihr mit ihnen umgehen soll, entscheidet niemand außer euch selbst. Zum Thema gibt es auch eine einfachere Version für alle Lehrenden und Lernenden, besonders aber für Grundschüler.

Text für Experten und kritische Leser/innen.
Dieser Beitrag vertieft eines der Themen der Artikelserie "Fühlen ist ein wundersames Gefühl". Er enthält neben Fakten auch Meinungen zum Thema.

Zitate: (1) Lilli zu gemischten Gefühlen - Sexualkunde für Jugendliche.
(2) Wissenschaftliche Arbeit zu "gemischten Gefühlen" als Kontrast.

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